

Ein Glossar zentraler Begriffe der Philosophie
Ludwig Wittgensteins (1889-1951)
Online seit 2002-06-09
Letzte Einträge: 2008-10-04 (Familienähnlichkeit und Solipsismus)
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Wie die Logik ist
auch die Ästhetik mit dem beschäftigt, was nicht anders sein kann, nicht
etwa mit kontingenten Tatsachen. Aus diesem Grunde kann sie nicht in wahren
oder falschen Sätzen ausgedrückt, sondern nur gezeigt werden. Die Ästhetik
hat eine transzendentale Qualität, ihre Werte liegen außerhalb der Welt.
Grundlage der Ästhetik ist das Staunen darüber, dass die Welt
existiert, nicht, wie es sich in ihr verhält. Dieses Staunen hat
den Charakter einer mystischen Erfahrung. Der ästhetische Blick bedeutet,
«die Welt mit einem glücklichen Auge anzuschauen», d. h., Tatsachen, die
dem Willen nicht unterworfen sind, gleichmütig hinzunehmen. «Das Kunstwerk
ist der Gegenstand sub specie aeternitatis [im Angesicht der
Ewigkeit] gesehen». - Wittgenstein versucht, den Begriff der Ästhetik von
den Missverständnissen der Tradition zu befreien. Ausdrücke wie "schön"
oder "hässlich" taugen nicht zur profunden Beschreibung eines Kunstwerks.
Es geht nicht darum, ein Kunstwerk zu mögen oder nicht zu mögen, es geht
darum, es zu verstehen und charakterisieren zu können. Die Bewertung eines
Kunstwerks ist seine Beschreibung als "richtig" oder "unrichtig", d. h.
bestimmten Maßstäben näher oder entfernter. Es existieren allerdings auch
Kunstwerke, die ihre eigenen Maßstäbe setzen. Diese beschreibt man dann
besser wie ein Naturphänomen (von "außen"). - Empfindungen wie Vergnügen
oder Unwohlsein sind Grundlage der ästhetischen Bewertung. Die sprachlichen
Ausdrucksformen der Wertschätzung sind zweitrangig. Wichtiger ist es,
darauf zu achten, wie und bei welchen Gelegenheiten sie gebraucht werden.
Zunächst: In welche Tätigkeiten sind diese Gelegenheiten, weiterhin: in
welche bestimmte Kultur sind diese Tätigkeiten, schließlich: in welche
Lebensform ist diese bestimmte
Kultur eingebettet? - Ästhetische Begriffe wie "Kunst" oder "Kunstwerk"
sind Familienähnlichkeitsbegriffe, sie lassen sich nicht analytisch
definieren (d. h. es gibt keine Bedingungen, die für sich notwendig und
zusammen hinreichend wären für die Anwendung dieser Ausdrücke). Familienähnlichkeit bedeutet, dass
die Gebrauchsarten der ästhetischen Begriffe in vielfältiger Weise
miteinander verbunden sind, durch «ein kompliziertes Netz von
Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen». - «Wenn etwa jemand
sagt 'A's Augen haben einen schöneren Ausdruck als B's', so will ich sagen,
dass er mit dem Wort 'schön' gewiss nicht dasjenige meint, was allem, was
wir schön nennen, gemeinsam ist. Vielmehr spielt er ein Spiel von ganz
geringem Umfang mit diesem Wort.» // Begriffsliste
Alle logischen
Fragen sind eigentlich grammatische Fragen, d. h. alle Fragen nach dem,
was die Welt im Innersten zusammenhält, münden letztlich in Fragen zum
korrekten Gebrauch von Wörtern. Die an Schulen gelehrte konventionelle
Grammatik trägt nicht zur Erhellung der so verstandenen logischen Form
von Sätzen bei, sie hat andere Aufgaben und taugt demzufolge auch nicht
für logisch-philosophische Untersuchungen.
Sprache ist
eine regelgeleitete Tätigkeit. Die Regeln der Sprache heißen Grammatik. Die Grammatik bestimmt, was richtige und
sinnvolle Äußerungen sind und was nicht.Noch ein Glossar? Warum? Wozu? Und: Wittgenstein? Ausgerechnet! Berufsphilosophen mögen sich beruhigen: Dieses "Wörterbuch" will keineswegs einschlägiger Fachliteratur Konkurrenz machen, sondern dient ausschließlich der persönlichen Orientierung des Urhebers, der sich schon seit etlichen Jahren mit dem zerfaserten (zerfahrenen?) Werk des Österreichers beschäftigt. Nicht so sehr Wittgensteins Untersuchungen zur formalen Logik oder zu den Grundlagen der Mathematik interessieren mich dabei, sondern seine Beiträge zu einer Lebensphilosophie. Ich verstehe hierunter den Versuch einer ganzheitlichen Konzeption der Lebensführung, weniger ein intellektuelles Konzept dessen, was das Leben sei bzw. ausmache. Nun, wer braucht sowas? Vermutlich nur Menschen, die etwas von Wittgensteins egozentrischer (manche vermuten gar: autistischer) und kontemplativer Natur in sich tragen bzw. in sich ausbilden möchten. Ist dies "sozialverträglich"? Jein.
Die Vorlage des Glossars bildet die deutsche Ausgabe von A Wittgenstein Dictionary des deutschen Philosophen Hanjo Glock, Oxford 1996, die ich als Leitfaden durch die manchmal labyrinthischen Gedankengänge L. W.s verwendete. Glocks Begriffsklärungen dienten mir dabei als Ausgangspunkt eigenen Verstehens in (möglichst) selbständigen Formulierungen.
Wittgenstein-Zitate stehen zwischen spitzen Anführungszeichen («...»), auf Quellenangaben habe ich aus Gründen der flüssigen Lesbarkeit des Textes verzichtet. Die Belegstellen folgen jedoch weitgehend den Angaben bei Glock.
Eibelstadt, Juni 2002, rev. September 2008
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