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Ralf Schuster

Norbert Krons Roman "Autopilot"

Im Roman "Autopilot" von Norbert Kron wird die Sprache ordnungsgemäß verwendet. Dummerweise geht es um ein Thema, das mich gar nicht interessiert. Aber Norbert Kron und ich wohnten vor Jahren in der gleichen WG und ich war gespannt, was er geschrieben hat. Bereits bevor ich das Buch in die Hände bekam, erzählte man mir von jenem leidigen Thema, das es behandelt: Unfruchtbarkeit bei Männern! Das wäre für mich ja kein Problem, sondern eine Lösung, zumindest beim derzeitigen Stand der Dinge, da ich mich im besten Alter befinde, um gebärwütigen Mittdreißigerinnen als Befruchter zu dienen, dies aber überhaupt nicht will.

Cover «Autopilot»

Bei Norbert Kron scheint die Lage ganz anders zu sein. Sein Romanheld Michael Lindberg wird durch die Tatsache der klinisch bescheinigten Unfruchtbarkeit innerlich aus der Bahn geworfen, äußerlich macht er jedoch die gleiche Scheiße, die er vorher auch schon machte: Er produziert Talk-Shows. Dass Talk-Shows etwas Abscheuliches sind, darüber ist sich das Bildungsbürgertum in Deutschland einig, es sei denn, der Talkmaster heißt Biolek. Ich kann leider bei diesem Thema überhaupt nicht mitreden, da ich nie Talkshows anschaue. Mir ist jedoch bei der Lektüre des Buches nicht klar geworden, ob Norbert Kron irgendetwas, was über das Klischee hinausgeht, zum Thema Talk-Show beizutragen hat, oder ob es ihm nur um den Schulterschluss mit all denjenigen geht, die darüber die gleichen Vorurteile wie er selbst haben. Zwar wird der Autor Kron vom Verlag als Insider hingestellt, da er als Fernsehjournalist sein Geld verdient, aber mit Talk-Shows hat das meiner Meinung nach nun auch wieder nicht so viel zu tun. Sein Romanheld plant und produziert also eine besonders extraordinäre Show, die ihn nach einigen halbherzigen Anfechtungen und kleineren Gewissensnöten noch reicher und noch erfolgreicher macht. Parallel dazu gibt es im Lauf der Handlung immer wieder Neuigkeiten aus den Sperma-Laboratorien, die jedoch die Gewissheit der Impotenz nur untermauern. Und die Lebensgefährtin, die von der ganzen Unfruchtbarkeitstragödie ja eigentlich ergriffen sein sollte, ist just in dem Augenblick ebenfalls erfolgreich, ausgerechnet als Goldschmiedin! Wo doch jede großbürgerliche oder neureiche Hausfrau in Deutschlands Großstädten ihre Kreativitätsträume als Goldschmiedin auszuleben versucht. Ziemlicher Gemeinplatz, würde ich sagen und dann geht das in der Story weiter wie im Bilderbuch, mit irgendwelchen Connections zu Starfotografen und Leuten, die Penthouses in New York besitzen. Die Lebensgefährtin hat also durch den plötzlichen Erfolgsschub keine Einwände gegen die Zeugungsunfähigkeit und somit nichts Wesentliches mehr zu sagen. Zum Glück trennt sich der Romanheld plötzlich und ziemlich unmotiviert von ihr, so dass ihre Person den Leser nicht weiter belastet. Den Romanhelden belastet sie auch nicht, das einzige was ihm zu schaffen macht, sind seine schlappschwänzigen Spermien. Er reflektiert dann darüber, dass sein von ihm gepushter Talk-Master auch so etwas wie ein Produkt seiner selbst ist, und in irgendeiner Weise mit biologischem Nachwuchs vergleichbar sein könnte. Da ihn dieser Gedanke nicht richtig befriedigt, schmiedet er einen merkwürdigen Plan, um den Talk-Master während der Live-Sendung zu sabotieren, doch just in dem Moment taucht die Lebensgefährtin plötzlich wieder auf und verhindert durch ihre bloße Anwesenheit, dass der Held eine Dummheit begeht. Dann ist Schluss und ich frage mich, ob mich das alles etwas angeht und beantworte mir die Frage mit nein.

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Norbert Kron: Autopilot. Roman. München: Hanser 2002