Stefan Hetzel

Besuch

Das einzig sympathische Haushaltsmitglied war die behinderte Katze. Sie humpelte ab und zu durch den Raum, um uns an ihre Existenz zu erinnern, sonst tat sie nichts. Schmiegte sich nicht an, wie es Katzen sonst oft tun, maunzte nicht herum, nervte nicht durch das Herabstürzen irgendwelcher Gegenstände.
Unsere Gastgeber waren höfliche, korrekte Deutsche. Also ein wenig unsauber, betont spießig, er kariertes Hemd, sie Rüschenbluse. Er eher analytisch, sie eine christliche Schwärmerin, von leicht verhärmtem Äußeren und unbeirrbarer, theoretisch fundierter Freundlichkeit.
Ich reagierte, unklug ehrlich wie ich manchmal bin, mit gelindem, aber doch deutlich spürbarem Spott: erkundigte mich nach ihrer Bibelgruppe, ihren sozialen Aktivitäten, zeigte echtes Interesse, ohne aber die Sache selbst zu bewerten. Sie erklärte mir alles freundlich, eifrig, aber ohne zu missionieren, die Augen sinnend auf ein fernes Außen gerichtet.
Wir, Gerald, Sabine und ich, waren zu Eberhard und Mathilde gekommen, um Silvester zu feiern. Die Jahreswende im trauten Kreis. Traut? Ich lernte Eberhard und Mathilde gerade erst kennen. Gerald war ein alter Freund von mir, Sabine seine frischangetraute Ehefrau.
Ich erwartete einen langweiligen Gesellschaftsabend. Nur nicht diese Feiertagsnächte irgendwo allein verbringen! Ich versumpfe in emotionalem Brei und höre schlechte Musik.
Man wohnt im Hochhaus. Der Ausblick auf die mittelgroße Stadt im Niederrheinischen: Bäume, nah, ein Kirchturm, fern, weitere Hochhäuser von mäßiger Größe, ein paar Grünstreifen, das Stadtzentrum in ahnungsvoller Entfernung. Ich stehe sinnend mit Gerald, dem nachdenklichen, polytoxikomanen Gerald, auf dem Balkon. Wie so oft wissen wir gar nicht, was wir reden sollen, wir sehen uns selten in letzter Zeit, die alten Zeiten sind vorbei, die neuen haben noch nicht so richtig angefangen. Ich durfte bei Geralds und Sabines Hochzeit den Trauzeugen spielen, darauf bin ich stolz, denn das ist ein Vertrauensbeweis, denke ich.
Gerald ist beruflich sehr eingespannt, sagt er, er habe so viel zu tun. Ich verstehe das immer gar nicht, wie jemand so viel zu tun haben kann. Ich hatte noch nie in meinem Leben "viel zu tun", so absurd das jetzt klingen mag, aber ich habe diesen Zustand immer zu vermeiden gewusst. Gerald jedoch scheint ihn zu suchen. Warum? Er hasst es doch, dieses Abgehetztsein, dieses Von-Termin-zu-Termin-Hasten, diese gedankenlose Flucht durchs Irgendwas!
"Nächstes Jahr ... eigene Abteilung", murmelt er, mehr zu sich selbst als zu mir, das Whiskyglas fest in der Hand. "Brasilien, Venezuela, vielleicht Kanada!" Ich lausche interessiert und teilnehmend. Gerald stützt sich auf am Kunststoff-Balkongeländer, blickt, schon leicht angesäuselt, in die diesige, amorphe Winterabendsonne. Ein paar Stare umkreisen die Wohnblocks. Die Glocken der Backsteinkirche gegenüber läuten zur letzten Messe des Jahres.
Gerald wird jetzt pathetisch. "Was wird das nächste Jahr bringen?" singt er, mit selbstironischem Unterton. Er blickt nach unten, in die Tiefe. "Depressionen, Geldsorgen, Arbeit." Instinktiv suche ich nach aufmunternden Worten, sage dann aber lieber nichts. Manchmal lässt sich Gerald nicht aufmuntern.
Sabine quatscht drinnen mit Mathilde über etwas. Eberhard macht den Salat an, kümmert sich auch sonst ganz allein um die Essensvorbereitung. Die Tafel ist schon gedeckt: bescheiden und ein wenig schlampig. Leicht vergeistigt. Kräftige Genüsse sind nicht zu erwarten, aber Käsefondue. Käsefondue soll die Kommunikation fördern, weil man gezwungen ist, sich mit allen Personen zu einigen, die auch ihr Brotwürfelchen in die zähe heiße Kaugummipampe halten. Es kommt zwangsläufig zu Kollisionen, Brotwürfelverlusten, verzweifelten Suchaktionen, Stochern im Käsebrei etc. All das soll zu gemeinsamer Heiterkeit führen, soll Gesprächsstoff entstehen lassen, ein Gemeinschaftserlebnis erzeugen.
So auch an diesem Abend.
Man behandelt sich höflich, spart aber auch nicht an kritischer Kommentierung als politisch unkorrekt empfundener Äußerungen des Anderen. Es wird über alles Mögliche geredet, also über nichts Besonderes. Mathildes Puritanismus, ihre charismatische Innerlichkeit, prägt die Atmosphäre. Zwar spricht sie den ganzen Abend nicht einmal vom Seelenbräutigam, doch strahlt er ihr aus den Augen. Seligkeit, innere Erfüllung, unnennbares, immerwährendes Glück. Oder zumindest die unstillbare Sehnsucht danach.
Zwischen Eberhard und Gerald wird ständig ein Spiel gespielt: Fang den Hut. Gerald ist der Hut, Eberhard versucht ihn zu fangen. Gerald stellt möglichst radikale Behauptungen über die Zeitläufte im Allgemeinen auf, Eberhard kommentiert diese moderierend mit geradezu väterlichem Verständnis. Gerald trinkt dann wieder einen Schluck Whisky und sinniert weiter. Eberhard tut unbeteiligt, doch ich spüre seine innere Befriedigung, dem für unreif gehaltenen Freund einen guten Ratschlag gegeben zu haben. Eberhard ist angehender Studienrat für Deutsch und Geschichte.
Es wird dunkel. Das Essen ist vorbei. Bevor Langeweile aufkommen kann, wird ein Spiel vorgeschlagen. Eine dieser aufwendigen Neuerfindungen, die aber doch immer wieder die gleichen Emotionen hervorrufen wie "Mensch ärgere dich nicht!". Der Spielplan ist kompliziert und unübersichtlich. Es handelt sich um eine Variante von "Trivial Pursuit", jene kindische Protzerei mit zusammenhangslosem Kreuzworträtselwissen. Karten werden gezogen, man darf sich gegenseitig Fragen stellen. Der Spielgenuss scheint darin zu bestehen, den jeweils anderen einer Prüfungssituation unterziehen zu dürfen. Das gibt Raum für mehr oder minder subtile Demütigungen, sollte der Prüfling versagen. Es ist fast wie im richtigen Leben. Das Spiel wird in Deutschland sehr oft verkauft.
Ich weiß nicht, wie lang die Chinesische Mauer ist und wer das U-Boot erfand, doch kann ich Fragen über Fernsehserien der 70er Jahre ganz gut beantworten. Alle halten sich leidlich. Ich weiß gar nicht mehr, wer am Ende die meisten Punkte hatte. Ich vermute, Eberhard. Mathilde erzählt irgendwann später, er habe sich die Woche zuvor hingesetzt und die Antworten studiert. Eberhard ist dieses Outing sehr peinlich. Doch er tut lässig, als mache es ihm nichts aus, von seiner Frau vor anderen bloßgestellt zu werden.
Sabine wird lebendiger, als wir ein neues Spiel spielen: Pantomime. Kreativität und Schauspieltalent sind gefragt. Auch ich wache ein wenig auf. Es soll ein Begriff dargestellt werden. Alle ergehen sich in komischen Verrenkungen, schnaufen am Boden, tänzeln ungeübt, stehen steif herum, heben ein Bein wie ein pinkelnder Hund, springen auch kurz in die Luft. Einer macht immer den Hampelmann und die anderen müssen raten. Sabine ist mit Geralds Darstellungen nie zufrieden. Dieser behält während der Pantomime die Pfeife im Mund, was ein wenig wurstig aussieht. Ich liebe ihn dafür. Mathildes Performance ist erwartet staksig, körperlos und eckig. Dieses Grimmassieren. Dieser stets altruistische Blick. Ich bin nun doch fasziniert. Hingabe, Selbstaufgabe. In allem, was sie tut. Sie ist nicht schön, nicht übermäßig intelligent, nicht redegewandt. Sie ist in Vielem Durchschnitt. Doch ihr Glaube macht sie, vor sich selbst, zu etwas Besonderem. Meine eigene Pantomime ist, meiner gedämpften Stimmungslage entsprechend, wenig inspiriert. Trotzdem wird ein wenig gelacht. Ich soll das Kinderlied "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" darstellen. Erst spiele ich den Fuchs, dann die Gans. Der Fuchs wieselt schnüffelnd auf allen Vieren herum, ungeduldig, lüstern, gierig geifernd ob des kommenden Genusses. Bei der Darstellung der Gans tue ich mir schwerer. Ich gehe in die Hocke, watschle herum, imitiere mit meiner Hand den plappernden Schnabel. Es ist demütigend. Aber das Lied wird identifiziert. Ich glaube, es war Sabine.
Es werden Chips und Erdnüsse gereicht. Das Bedürfnis nach Musik. Ich stöbere im Plattenschrank. Die Ausbeute ist mäßig. "Stop Making Sense" von den Talking Heads, ein bisschen Roxy Music, dann nur noch Grönemeyer, Westernhagen, Rainhard Fendrich. Zum Schluss doch noch ein paar halbwegs obskure Tanzmusikplatten aus den späten 60ern. Damit fange ich an, denn ich spiele den DJ, wie bei jeder Party. Keine schlechte Rolle, denn man hat immer was zu tun, wird auch gern angesprochen. Wünsche werden an einen herangetragen. Wünsche, die man erfüllen kann, oder auch nicht. Es wird getanzt. Die Stimmung wird, alkoholbedingt, haltloser. Die Frauen lachen manchmal ein wenig zu laut. Die Männer grinsen still und ein wenig dämlich vor sich hin. Ab und zu humpelt die Katze verstört durch den Raum.
Kurz vor Mitternacht schalte ich den Fernseher an, aus Langeweile. Ich will jetzt das kollektive Erlebnis des Jahreswechsels. Sekt wird aus dem Kühlschrank geholt. Wie auf Kommando versammeln wir uns auf dem Balkon. Natürlich hörte man schon den ganzen Abend vereinzelte Böller knallen, aber jetzt gehts natürlich massiv weiter. Niederrhein in Flammen. Rosen, Tulpen, Nelken. Balustrade. Man fällt sich vorsichtig um den Hals, wohltemperiert. Das Gesicht verzerrt sich, vom langen Abend schon leicht angestrengt, zur Freundlichkeitsmaske, während die Arme den obligatorischen Halbkreis umschreiben. Bussi. Die Oberkörper berühren sich nur an den Schultern. Die Brüste der Frauen bleiben ungequetscht. Die Männer umarmen sich nur andeutungsweise, aufkommende Zärtlichkeit durch gleichzeitiges Rückenklopfen neutralisierend.

Intrade. Verlust, ausgekostet. Ich bin enttäuscht: Das neue Jahr fühlt sich genauso an wie das alte. Geschmacklos, holzig und ein bisschen fade. Ich stehe jetzt allein und beschwipst auf dem Balkon und möchte mich gerne hinunterstürzen. Triumphales Ende. Starr aufgerissenen Auges mit dem Gesicht zur Grasnarbe, das eigene Blut schmeckend, kleine Knochensplitter dringen in die Hirnrinde ein. Fetzen aus Erinnerung: Studienjahre, die Wittgenstein-Ausgabe unter der Lederjacke. Die Welt ist alles, was der Fall ist. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist. Oder auch: (W W F F) (p, q) in Worten: p.
Das Fernsehen zeigt jetzt leichtbekleidete langbeinige französische Tänzerinnen. Moulin Rouge, die rote Mühle in Paris. Nie war ich dort. Ich will auch nicht hin.
Der Abend ist gelaufen. Kein Überborden der Stimmung, kein brünstiges Sich-Entäußern, keine unerwarteten Ekstasen. Stattdessen Wohlanständigkeit.
Mir wird die Iso-Matte zugewiesen, im Studierzimmer des zukünftigen Herrn Studienrates. Bücher, Schreibtisch, Computer, Zeitschriften, eine Topfpflanze.
Das Licht ist aus, ich liege flach und starre auf die Dürrenmatt-Gesamtausgabe ca. einen halben Meter vor meinem Gesicht. Warum steht der Dürrenmatt so tief? Mag Eberhard den Schweizer Moralisten nicht? Würde mich wundern. Wahrscheinlich ist Dürrenmatt gerade nicht "dran".
Der Schlaf, der Tod, der Traum, das All. Der Kosmos, die Entgrenzung, der Rand zum Nichts. Dürrenmatt skalpiert Wolfgang Borchert. Bert Brecht treibt es mit Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll wixt sich einen dazu.
Die Humpelkatze huscht über meinen Adventure-Schlafsack. Ein sanfter Luftzug. Es ist Tag. Ich habe mein Morgentief, will nicht aufstehen. Man sollte mich wegtragen müssen. Geräusche aus dem Wohnzimmer. Das Klappern von Geschirr, natürlich. Ich denke an wahrscheinlich bevorstehende Abspülexzesse und bin noch tiefer verstimmt.
Doch am Frühstückstisch eine Offenbarung: die besten Eier mit Schinken, die ich jemals ... Keine Ahnung, wie Eberhard das hinbekommen hat, jedenfalls schmeckt es mir großartig. Eberhard und Mathilde werkeln eifrig am Herd, ich gewinne die beiden richtig lieb, denn Liebe geht durch den Magen. Es fehlt eine zweite Pfanne. Erst wird eine Weile vergeblich gesucht, schließlich wird das gute Stück auf dem Schrank, oberhalb des Herds, entdeckt. Lagert dort etwas labil auf einem Stapel alten Geschirrs. Mathilde steigt auf einen wackligen Stuhl, greift nach dem Pfannenstiel, dann passiert es.
Es passiert.
Ich sehe alles in Zeitlupe. Mathilde hebt die Pfanne an, doch nicht hoch genug, und reißt den ganzen Geschirrstapel mit in die Tiefe. Mit grausamem Poltern und Klirren folgt er dem sturen Gesetz der Gravitation.
Porzellanscherben bohren sich ins Rührei, perforieren kross gebratene Schinkenstückchen. Sabine lässt einen markerschütternden Schrei fahren. Die Katze, die es sich bettelnd neben dem Herd bequem gemacht hatte, humpelt blitzschnell davon und ward nicht mehr gesehen. Eberhard wirkt, ich beobachte ihn genau, für einen Moment grässlich indigniert, reißt sich aber sofort wieder am Riemen, setzt seine kontrolliert-wichtige Miene auf und beginnt sofort, beruhigend auf seine wild gestikulierende Frau einzureden. Mathilde ist von der Leiter gestiegen, ihr schlechtes Gewissen färbt den ganzen Kopf dunkelrot. Sie verfällt in blinden Aktivismus und schneidet sich an einer Scherbe leicht in die Hand. Als die Wunde anfängt zu bluten, scheint es ihr ein wenig besser zu gehen. Sabines Bestürzung hat sich bald wieder gelegt, sie eilt herbei, um Mathildes Verletzung zu versorgen. Gerald hat das Ganze verkaterten Auges verfolgt, ist nur ganz kurz zusammengezuckt und murmelt jetzt etwas von "Menetekel". Ich selbst kann mich nach anfänglichem Schreck eines schadenfrohen Grinsens nicht erwehren, halte aber sofort meine Hand vor den Mund, damit mich meine Gastgeber nicht vor die Tür weisen, wo es gegen null Grad geht.
In kürzester Zeit ist das Malheur beseitigt, aber die friedliche Neujahrsmorgenstimmung ist zerplatzt. Plötzlich erinnern sich alle an wichtige Termine, die ja gerade heute, am ersten Tag des Jahres, noch wahrzunehmen seien: familiäre Verpflichtungen vor allen, ja, vor allem die, Mutti und Vati sind sonst gleich wieder beleidigt, wenn wir nicht vorbeikommen und wer weiß, wie lange der Großvater noch lebt.
Die Abschiedszeremonie erlebe ich im Zeitraffer, von allen löst sich eine gewisse Anspannung. Die Gastgeber freuen sich darauf, bald wieder nur Privatleute ohne Schauseite sein zu dürfen, im T-Shirt in der Wohnung herumlaufen zu können, in der Unterhose, die Zahnbürste im weißumschäumten Mund. Die Gäste sind erleichtert, die stickige Wohnung verlassen zu dürfen und nicht mehr ständig Objekt aufmerksamer Bewirtung sein zu müssen. Man entlässt sich gegenseitig. Draußen scheint die Sonne. Es ist kalt. Es ist ein neues Jahr.